Chronik Altenhof

Die Wendensiedlung Werbellow

Viele Jahrhunderte waren seit jener Steinzeit ins Land gezogen. Im vierten Jahrhundert nach der Zeitenwende packte die germanischen Bewohner unseres Landstriches der Wandertrieb. Ganze Völkerstämme waren dem Zuge nach dem Westen und dem Süden Europas gefolgt. Leer und verlassen waren die einstigen Wohnsitze der Germanen. Aus dem Osten drängten slawische Völkerstämme nach und setzten sich hier fest. Eine Slawische Siedlung nach der anderen entstand im Lande zwischen Oder und Elbe. Zahlreiche Namen des Uckerlandes reden noch heute eine aufschlußreiche Sprache.

Auch an den Werbellinsee kamen jene slawischen Wanderer und schufen sich hier eine neue Heimat. Der Boden rings um der Werbellinsee birgt heute noch genügend Urnen, Töpfe, Grabstellen usw., die die Wendenzeit hinterlassen hat. Der Fischreichtum des Sees mag auch die wendischen Siedler einst angelockt haben. Sie bauten sich vor rund 1500 Jahren ihr Dorf ganz in der Nähe des Ufers auf, und zwar an der gleichen Stelle, auf der heute das Dorf Altenhof steht. Hier tritt der Höhenzug, der das ganze Ufer begleitet, etwas vom Ufer zurück. Im Schutze der Anhöhung, durch das erhöhte Ufer auch gegen Hochwasser geschützt, standen die niedrigen Hütten der Wenden. Diese Art der Bodenbildung wird im slawischen "Werba" genannt. Aus diesem Wort ist dann im Laufe der Zeit das Wort "Werbellin" entstanden.

Etwa fünf Jahrhunderte haben die Wenden ungestört in diesem Landstrich gelebt. Dann setzte vor tausend Jahren die Zurückeroberung der wendischen Gebiete ein. Im Winter 928 fiel die Wendische Burg Brennabor, das heutige Brandenburg. Albrecht der Bär gewann die Prignitz und das Havelland zurück. Ein wendisches Gebiet nach dem andern folgte. Dem Schwert der Johanniter und Templer folgten Kreuz und Pfug. Prämonstratenser und Zisterzienser schufen in der Folgezeit herrliche Klosterbauten, von denen z.B. die Klosterruine Chorin noch heute ein beredtes Zeugnis ablegt.

Hart waren die Kämpfe zwischen Germanen und Wenden, besonders in den Grenzgebieten, zu denen auch die Uckermark gehörte. Ukraner nannten sich die Wenden hier: das bedeutet "Grenzlandbewohner". Bei diesen Kämpfen soll auch die Wendensiedlung Werbelow zerstört worden sein. Otto Brennekam hat diese Zeit der Wendenkämpfe in seinen geschichtlichen Roman "Werbelow" wieder lebendig werden lassen. Wenn der Bauer heute den Pflug durch seinen Acker zieht, dann stößt er wohl manchmal auf Scherben oder Hufeisen, die die Erinnerung an die Wenden wach halten.

Von der Askanierburg Breden

In fast zweihundertjährigem Ringen waren die Wenden in allen ihren Gebieten unterworfen worden. Deutsche Bauern saßen wieder auf der Scholle, die ihre germanischen Vorfahren einst verlassen hatten. Brandenburgs Herrscher regierten in der Mark. Die Wenden waren besiegt. Aber Pommerns kampflustige Herzöge fielen des öfteren von Stettin oder Wolgast her in die Mark ein. Daher bauten die tatkräftigen Askanier, denen die Mark jetzt anvertraut war, überall im Uckerlande Burgen. Am Werbellinsee entstanden Burg Werbellin, Burg Breden und Burg Grimnitz. Wo einst das sagenumwobene Werbelow der Wenden gestanden hatte, finden wir 200 Jahre später die Askanierburg Breden.

Otto der Vierte "mit dem Pfeile" und Waldemar der Große weilten gern hier am Ufer des Werbellinsees. Besonders Otto IV. und seine Gemahlin Heilwig, eine Tochter des Grafen Gerhard von Holstein, liebten den schönen See mit seinen uralten Reizen. Friedrich Brunhold hat ihnen in seinem Gedicht "Der Werbellin" ein bleibendes Denkmal gesetzt. Auch Markgraf Waldemar der Große, der Nachfolger Ottos IV., hielt sich oft in Breden auf. Aus seiner Zeit sind einige Urkunden vorhanden, die Kunde von der Burg Breden geben. Die älteste Urkunde ist im Jahre 1308 ausgestellt "in curia Breden" (auf Hof Breden). Aus dieser Zeit ist noch ein sehr bedeutsames Schriftstück vorhanden, das am Kopf die Worte trägt: actum et datum in curia Bredensi 24. Juli 1311. In dieser Urkunde verkauft der Markgraf "Schlösser und Städte Danzig, Dirschau und Schwetz mit dem Lande Pomerellen an den Deutschen Orden".

Auch die Markgrafen aus dem Hause der Wittelsbacher haben sich in Burg Breden aufgehalten. Ludwig der Römer und Otto der Faule bekunden in einer Urkunde aus dem Jahre 1364: "Das Huß zcum Breten sal unser beyder seyn gemeyne." Im Landbuch Karl IV. aus dem Jahre 1374 wird Breden unter dem Abschnitt "Von den Schlössern im Uckergau" mit folgenden Worten aufgeführt: "Breden ist eine Burg ohne Flecken und Dorf, in der großen Heide Werbellin gelegen." Dann schweigen die Urkunden von Burg Breden. Auch keine andere Überlieferung erzählt etwas von dieser Askanierburg. Wahrscheinlich ist auch diese Burg zur Zeit, als die Raubritter plündernd und sengend durch die Mark Brandenburg zogen, etwa um 1400, zerstört worden.

Durch einen Zufall hat man später genau festgestellt, wo die Burg Breden gestanden hat. als man vor 170 Jahren auf dem jetzigen Förstereigrundstück das erste Forsthaus bauen wollte, stieß man beim Ausschachten auf tiefe Grundmauern und auf einen uralten Keller, in dem sich noch einige kupferne Gerätschaften und ein Faß mit altem Wein befanden. Als man dieses Faß berührte, fielen die hölzernen Dauben auseinander, und der Wein blieb in der roten Weinsteinkruste, die sich im laufe von 400 Jahren gebildet hatte, wie in einer Kristallbowle unverschüttet stehen. Ob dieser historische Boden auch jetzt noch Jagd- oder Hausgeräte aus den Zeiten des großen Waldemar birgt? Mauerreste von Burg Breden sind noch auf dem Grundstück des Bauern Wihlhelm Poppe zu sehen.

"Byn ollen Hof"

Nach 1400 war es am Werbellinsee still geworden. Die Burg Breden war verschwunden; nur noch ein Schutthaufen redete eine stille, aber vielsagende  Sprache... Faßt dreihundert Jahre blieb es so. Zwar waren die Zeiten der Raubritter längst vorüber, aber noch spürte das Land die verheerenden Wirkungen des Dreißigjährigen Krieges; denn auch durch den Landstrich um den Werbellin war die wilde Soldateska gezogen. Burg Breden war vergessen. Die traurigen Reste einer farbenfreudigen, frohen Vergangenheit waren verwittert und von Unkraut überwuchert. Verschwommen deuten noch einige der wuchtigen Mauern die einstigen Umrisse der Burg an. Das Volk sprach nicht mehr von Breden, sondern nannte diesen Trümmerhaufen "den ollen Hoff".

Einige armselige Fischerhütten haben diesen Namen weiter getragen. Vor dem 30jährigen Krieg stand am Ufer des Werbellinsees noch ein Kossätenhaus, in dem der Fischer der Familie Sparr, der das Schloß Lichterfelde gehörte, saß. Dieses alte Fischerhaus stand "byn ollen Hoff" und trug diesen Namen weiter ins 17.Jahrhundert hinein. Auch dieses alte Haus wurde im Dreißigjährigen Kriege verwüstet. Eine Amtskammerverordnung aus dem Jahre 1675 erzählt von "dem Kossätenhaus bim Alten Hoff". Allmählich blühte auch hier neues Leben aus den Ruinen. Nach dem Dreißigjährigen Kriege fand sich ein Fischer Martin Heyde beim "ollen Hoff" ein. Er erwarb das alte Fischerhaus und wurde hier seßhaft. An diesen Fischer Martin Heyde erinnert noch eine wunderschöne Trinkschale, die im Jahre 1705 in der damals berühmten Grimnitzer Glashütte angefertigt worden war; diese Flasche befindet sich heute wieder im Besitz der Nachkommen dieses ersten Werbellinseefischers nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Büdnersiedlung unter Friedrich dem Großen

Ein altes Kossätenhaus und ein Fischerhaus- das war um 1700 der Anfang des späteren Dörfchens Altenhof. Fast ein halbes Jahrhundert blieb es noch so: dann aber regte es sich auch am Werbellinsee. In allen Gegenden der Mark setzte Friedrich der Große seine ausgedienten Soldaten als Bauern an. Auch zum Werbellinsee kamen einige. Im Jahr 1746 fand sich ein Grenadier Andreas Lindemann hier ein, der im Jahre 1750 ein eigenes Haus erbaute, das erst im Jahre 1935 abgerissen worden ist. Im Jahr 1748 tauchte ein Musketier Martin Bergemann hier auf, der ebenfalls "mit Seiner kgl. Majestät allergnädigsten Bewilligung" ein Haus erbaute. Eines dieser friderizianischen Häuser ist noch heute fast in seiner ursprünglichen Bauart neben dem Kurhaus Altenhof zu sehen.

Diese wenigen, unter dem Alten Fritz erbauten Häuser bildeten den Anfang des späteren Büdnerdorfes, von dem es in einem Besichtigungsbericht vom Jahre 1745 heißt: "Allhier sind überhaupt nur sechs Einwohner, darunter ein Schulmeister, der das Schneiderhandwerk dabei betreibet. Die übrigen sind Fischer, besitzen zum Teil sehr wenig, zum Teil gar keinen Acker, sondern nähren sich vom Fischen".

Ein Einwohnerverzeichnis aus dem Jahre 1768 nennt in Altenhof dreizehn Familien, die zusammen 62 Köpfe zählten. Mehr als einhundert Jahre vergingen, bis sich die Einwohnerzahl des kleinen Fischerdörfchens verdoppelt hatte. See und Wald gaben dem Menschen am Werbellinsee wie zur Urzeit die Möglichkeit zum Leben; denn Fischerei und Waldarbeit blieben lange Zeit die einzigen Erwerbsmöglichkeiten der Altenhofer Büdner. Abseits vom Strome der Zeit, versteckt hinter uralten Buchen und Eichen, blieb Altenhof noch ein Jahrhundert lang ein unentdecktes Kleinod der Natur, von dem Dr. Böttger noch schreiben konnte: "Dieses herrliche Stück unserer märkischen Heimat, ganz nahe dem unruhig pulsierenden Leben der Hauptstadt, erfreut sich glücklicherweise noch einer großen Unbekanntheit bei seinen Landsleuten." In der Tat, für die Zeit von 1700 bis 1900 passt auf Altenhof das bekannte Dichterwort: "Kein Hauch der aufgeregten Stadt drang in diese Einsamkeit!"

Kurort Altenhof

Um 1900 wandelte sich das Bild des stillen Dörfchens. Erst waren es nur wenige Familien, die mit Sack und Pack, wie es im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts noch üblich war, nach Altenhof zur Erholung kamen. Am Bahnhof Eberswalde wurden die riesigen Reiskörbe, die Bettsäcke und schließlich auch die Sommergäste selber auf den langen Erntewagen verfrachtet, und los ging es durch märkischen Sand nach Altenhof. Später schafften sich die Altenhofer Bauern moderne Jagdwagen oder vereinzelt sogar eine Kutsche an, um ihre Sommergäste von Eberswalde abholen zu können.

An der Entwicklung Altenhofs kann man so recht die Bedeutung des neuzeitlichen Straßenbaus für die Erschließung einer Landschaft ermessen. Mit dem Chausseebau nach Altenhof im Jahre 1925 setzte eine starke Bautätigkeit in Altenhof ein. Ein Landhaus nach dem anderen entstand. Um 1900 stand die Schule noch am Ende des Dorfes; heute liegt sie in der Mitte des Ortes! Die Einwohnerzahl hat sich fast verdoppelt! Mit der Erweiterung des Dorfes hielt die Neuzeit ihren Einzug in das bis dahin so stille Fischerdorf. Die Petroleumlampe wurde durch elektrisches Licht ersetzt. Fernsprech-möglichkeiten wurden geschaffen, und bald ratterte das erste Postauto von Eberswalde nach Altenhof. Auf dem Werbellinsee wurde ein regelmäßiger Bootsverkehr eingerichtet, der die Sommergäste vom Bahnhof Werbellinsee nach Altenhof brachte. Altenhof war dem Ausflugsverkehr der Großstadt erschlossen!

Heute ist Altenhof überall bekannt, wo von märkischen Kurorten die Rede ist. Der Bau der Autobahn hat die Möglichkeit geschaffen, daß der Berliner in weniger als einer Stunde seine Erholung am schönsten See der Mark Brandenburg finden kann. Zwar ist das Idyll, vom Standpunkt des die Ruhe liebenden Naturfreundes gesehen, heute nur noch tief in der Schorfheide oder abseits von der Betonstraße an stillen Stellen des Seeufers zu finden. Aber diese Stellen gibt es noch genug; man muss sie nur suchen!

Wenn heute die Gäste zum Werbellinsee kommen, dann mag mancher, der im Buche der Geschichte zu lesen versteht, die Bilder der Vergangenheit vor sich entstehen lassen: die Hütten der Wenden, die Pfahlbauten, die markgräfliche Burg Breden und die Stillen Fischerhütten, die Fachwerkbauten der friderizianischen Siedler und nun die schmucken Landhäuser der Neuzeit! Nur eins hat sich durch alle Jahrhunderte unverändert erhalten: die Schönheit des weiten Waldes und der Zauber des uralten Werbellinsees, den Friedrich Brunhold, der Dichter des Werbellin, mit folgenden Worten ausdrückt:

"Der Wald war immer schön! Der Bäume Rauschen,
Vom Mond beschienen, nachts der tiefe See!
Des Wildes Nah'n - und dann dies sel'ge Lauschen
Beim Drosselsang... Es stillte alles Weh!"

Quellen: Mit freundlicher Unterstützung der Stadtbibliothek Joachimsthal

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